Bolivien – Land der Kartoffel

Einstieg: Landnutzung und Welternährung

Die Kartoffel - Ernährer der Menschheit

Die Kartoffel - Fundament der andinen Hochkulturen

Die Kartoffel – Ihre Geschichte in Europa

Die Kartoffel - Spielball der Lebensmittelindustrie

 

Landnutzung und Welternährung

Bezüglich der Ausnutzung möglicher landwirtschaftlich nutzbarer Flächen, ergeben sich global gesehen 3 Kategorien von Ländern.

    Ø Gebiete mit Nahrungsüberfluss und einem Nahrungsangebot, das so reichhaltig ist wie nie zuvor. Diese Länder können sogar Naturschutzgebiete und Erholungsgebiete ausweisen und größere Flächen aus der landwirtschaftlichen Nutzung herausnehmen. Dies liegt zum einen an ihrer hohen Produktivität, zum anderen am billigen Import von Nahrungsmitteln aus der 3. Welt.

    Ø Eine 2. Gruppe bilden Länder wie z.B. China, Indien, Philippinen. Sie sind in weiten Teilen an der Grenze dessen was machbar ist. Aufgrund der dichten Besiedlung, wird dort jeder nutzbare Flecken bebaut - für Naturschutzgebiete ist kein Platz.

    Ø Und schließlich eine 3. Gruppe von Ländern, wo fruchtbarer Boden verloren geht, wo die Wüste vorrückt, die Bevölkerung trotzdem wächst und hungert.

     

Bezüglich der Welternährungssituation stimmen zwei gegenläufige Entwicklungen bedenklich.

    1. Die Abnahme der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche, durch das Vorrücken der Wüsten und die Klimaänderungen.

    2.  Das Anwachsen der Weltbevölkerung, wofür die Armut und die mangelnde Bildung und der Verlust an trditionellen Sitten und Bräuchen in vielen Ländern  verantwortlich sind.

Hinzu kommen einige aus moralischer Sicht sehr fragwürdige Verhaltensweisen der hochindustrialisierten Länder.

    1. Das Leerfischen der Weltmeere bis vor die Haustür einiger der ärmsten Länder, die traditionell auf den Fischfang angewiesen sind.

    2. Das “Erzwingen“ von Niedrigstpreisen für landwirtschaftliche Produkte - was besonders schändlich ist, wenn der Bauer kaum genügend verdient, um seine Familie zu ernähren und er dadurch abhängig und erpressbar ist.

    3. Die Nahrungsmittelmärkte kommen unter die Kontrolle weniger Großkonzerne. Auch die Bauern der Entwicklungsländer werden direkt oder indirekt gezwungen die Produkte einiger Großkonzerne zu benutzen und anzupflanzen, wodurch sie ihre Selbständigkeit verlieren.

 

 

Die Kartoffel - Ernährer der Menschheit

Neben Weizen, Mais und Reis ist sie das viertwichtigste Nahrungsmittel der Erde. Die Kartoffelpflanze nutzt die Sonnenenergie, die zur Verfügung stehenden Nährstoffe, sowie das Wasser sehr gut aus, was sich in enormen Hektarerträgen äußert. (Werte von 400 dz/ha werden erreicht, Weizen ca. 60 dz/ha). Pro Fläche produziert die Kartoffelpflanze doppelt so viele  Kohlenhydrate wie Weizen.

Die Kartoffel - Fundament der andinen Hochkulturen

Die Menschen Südamerikas verwenden seit etwa 10000 Jahren ihr Geschick darauf  Kartoffelsorten zu züchten. Der Übergang vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern ist in den Anden eng mit der Kartoffel verknüpft. Am Ende verfügten die Indios über mehr als 3000 Sorten die angebaut wurden. Noch heute betrachten sich die Menschen Boliviens als Kartoffelmenschen, weil ihr Leben so eng mit der Pflanze verflochten ist. Die Hochkultur der Inkas zeichnete sich nicht nur aus durch phantastische Bauwerke, ein gutes Wegesystem und ein gut strukturiertes System von Dienstleistungspflichten (Mink´a) des Einzelnen für den Staat, sondern auch durch Züchtungserfolge im Pflanzenbau.

In den Anden ist das Ackerland jeder Familie bzw. jedes Dorfes weit über den Berghang zerstreut. Die Acker einer Familie sind von 2000-4000 m über die verschiedenste Klimastufen verteilt, so dass niemals die gesamte Ernte missraten kann. Für jede Höhenstufe gibt es besonders geeignete Kartoffeln. Manche Bauernfamilie pflanzte bis zu 30 Sorten an. Das Ansehen eines Bauern hing davon ab, wie groß sein Geschick im Umgang mit den Sorten war.
Besonderer Erwähnung bedürfen die Bitterkartoffeln. Es sind Frostresistente Arten, die von den Bauern durch Gefriertrocknung konserviert werden. Das gefriergetrocknete Produkt, die Chuno ist sehr leicht und jahrelang haltbar.

Die zentrale Bedeutung der Kartoffel für die Menschen der Anden macht das folgende Beispiel deutlich:
Fragte man früher eine Bäuerin:  „Wie lange brauchst du noch für diese oder jene Arbeit“? – so antwortete sie in ihrer Sprache: „Noch 3 Kocheinheiten“! Damit meinte sie, dreimal so lange, wie zum Kochen der Kartoffeln. Darunter konnte sich jeder etwas vorstellen. 
 

 

Die Kartoffel – Ihre Geschichte in Europa

Die Kartoffel kam kurz nach der Entdeckung Amerikas nach Europa. Hier dauerte es  fast 200 Jahre, bis sich herumgesprochen hatte, um welch ein Kleinod es sich dabei handelt.

Ihre Erfolgsgeschichte begann in Irland. Im 17 Jahrhundert mausert sie sich zum Grundnahrungsmittel
Im 18.-19. Jahrhundert löst sie dort eine Bevölkerungsexplosion aus. 1760-1840 wächst die Bevölkerung Irlands von 1,5 Mio. auf  8,2 Mio.  Irland war damals eine Kolonie Englands und wurde von England etwa so behandelt wie die Länder der 3 Welt noch heute. D.h. Irland war erzwungener maßen ein Exportland für Weizen nach England. In dem Land selbst hatte man kaum etwas zu essen - außer der neuen Pflanze - der Kartoffel.
Die Katastrophe kam dann 1845/48. Eine Pflanzenkrankheit, die Kartoffelfäule, vernichtet die Ernten in ganz Europa. Hunderttausende Iren starben  an Hunger. Auswanderungswellen in die USA waren die Folge.
In der Pfalz ist die Kuseler Gegend bekannt dafür, dass während dieser Hungerjahre viele in die USA auswanderten. Die  Geschichte wiederholt sich.  Heute sind es Flüchtlinge aus der 3. Welt, die hilflos unterwegs sind, nur gibt es kein Traumland Amerika mehr , wohin sie gehen könnten – wofür, das sei nicht vergessen, die Indianer Nordamerikas den Preis zu zahlen hatten.

 

 

Die Kartoffel - Spielball der Lebensmittelindustrie

Wie gesagt, heute ist die Kartoffel die viertwichtigste Kulturpflanze der Erde.

Ihre Zukunft aber ist schillernd, wie so vieles in der Geschichte der Menschheit. Die Kartoffel erwarten Ruhm und Ehre genauso, wie Verachtung und Ausbeutung.

 

Einige Beispiele:

In jenen Restaurants, die ein Normalverdiener selten aufsucht, werden Kartoffeln serviert, die den Titel  Luxusknolle verdienen (1000.- DM pro Kilo zahlt der Küchenchef im Einkauf). Gemeint sind  Farbsorten wie die blaue „Violette“, die mehr als Tellerdekoration dienen, denn als Beilage. Andererseits wandern bereits heute 50 % der Welt-Kartoffelproduktion in die Tierfutterproduktion. Massenware eben!

 

Heute hat die Kartoffel eine Stellung irgendwo zwischen nachwachsendem Rohstoff für Bioalkohol und  Designer-food.

Alles ist machbar !

Todo es possible !

Und Morgen? Wie sieht es in Zukunft aus ?
Die Gentechnik bemächtigt sich auch dieses Lebewesens.
Einigen Kartoffeln hat man einen Leuchtstoff von Quallen eingebaut, der dem Bauern durch Leuchtsignale anzeigt, wann die Pflanze unter Wassermangel leidet.
Ein eingeschmuggeltes Schneeglöckchen Gen oder eines von Bacillus Thuringensis sorgen dafür, dass die Kartoffel für viele Tiere ungenießbar wird.
Eine ganze Reihe von gentechnischen Schritten wird nötig sein, bis man der Kartoffel beigebracht hat, wie der Klee oder die Robinie den Stickstoff aus der Luft zu binden.

    Schöne neue Welt

                                                            Thomas Henrich